Die erstaun­lichen Effekte des Gähnens auf dein Nerven­system

Wie ein einziger Gähner ganz natürlich Stress abbaut

Moritz Oesterlau
15.10.2024
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Hast du heute schon gegähnt? 🥱 Ich konnte heute live mitverfolgen, was das Gähnen mit meinem Nervensystem und meinem Herzschlag machte. Das fand ich so spannend, dass ich es mit dir teilen möchte!

Seit ein paar Wochen messe ich direkt nach dem Aufstehen meine Herzraten­variabilität (HRV). Daran lässt sich ablesen, wie gut mein autonomes Nervensystem zwischen Aktivierung (Sympathikus) und Entspannung (Parasympathikus) hin- und herschalten kann.

Während ich gemessen habe, musste ich mehrfach gähnen. Dabei passierte Folgendes:

  • Während des tiefen Einatmens schnellte mein Herzschlag von zuvor um die 70 Schläge pro Minute (bpm) auf 88 bpm hoch.
  • Und sank dann abrupt auf um die 60 bpm ab und fand dort sein neues Normal.

Hier kannst du den Moment sehen:

So effektiv ist ein einmaliges Gähnen?! Das hat mich ganz schön überrascht. Da mein Ruhepuls normalerweise bei um die 60 bpm liegt, waren 70 bpm für mich ungewöhnlich hoch und ließen auf eine erhöhte sympathische Aktivität schließen. Sprich ich war etwas angespannt.

Gähnen als parasympathische Antwort auf Stress

Mir war bereits bewusst, dass Gähnen ein Ausdruck parasympathischer Aktivität ist. Ich erlebe es an mir und in der Nervensystemarbeit mit Klient*innen immer wieder: Verweilen wir mit innerlich herausforderndem Erleben und beginnen ausgiebig zu Gähnen, ist das ein gutes Zeichen, über das ich mich immer wieder freue.

Denn es bedeutet, dass das autonome Nervensystem beginnt, regulierend auf Stress zu antworten. In einem Zustand sympathischer Aktivierung findet eine Entladung überschüssiger Energie statt und das Nervensystem findet zurück zur gewohnten Mitte.

In der Polyvagaltheorie bezeichnet man dies auch als ‘Vagusbremse’, da der Vagusnerv aktiv dabei hilft, die Sympathikusaktivität zu bremsen und den Körper wieder in einen entspannteren Zustand zu bringen.

Tiefe Lungen­dehnung

Das weite Aufspannen des Brustkorbs richtet zusammengefallene Alveolen (Lungenbläschen) wieder auf. Barorezeptoren (Drucksensoren) in der Lunge melden dem Gehirn: „Alles gut, du kannst entspannen.“ Das trägt zusätzlich dazu bei, dass Herzschlag und Atmung ruhiger werden. Faszinierend, oder? 👀

Mini-Zittern — der kleine Stretch-Reflex

Vielleicht bemerkst du beim Gähnen oder genüsslichen Strecken ein ganz feines Vibrieren in Kiefer, Nacken oder Schultern. Dieses „Mikro­schütteln“ dauert meist nur ein, zwei Sekunden und entsteht, weil deine Muskeln sich plötzlich verlängern:

  • Dehnung – Der weite Mund- und Brustkorb­aufzug spannt die Fasern ruckartig an.
  • Stretch-Reflex – Sensoren in den Muskel­spindeln funken ans Rückenmark: „Zu lang, zu schnell!“
  • Nachschwingen – Für einen Augenblick flattern die Fasern, bis sie die neue Länge gefunden haben.

Viele Menschen empfinden dieses kurze Flattern als Erleichterung – ähnlich wie ein Mini-Reset, der über den Vagus­nerv sofort ein bisschen Ruhe ins System bringt.

Wichtig zu unterscheiden: Dieses Mini-Zittern ist nicht dasselbe wie das minuten­lange neurogene Zittern, das deutlich stärker und am ganzen Körper auftreten kann. Beide fühlen sich entladend an, kommen aber aus unterschiedlichen „Reflex­familien“.

Beobachte einfach neugierig, ob du dieses kurze Vibrieren wahrnimmst – und genieße den kleinen Spannungs­abfluss, der damit oft einhergeht.

Beobachte dein Gähnen!

Beobachte dein Gähnen das nächste Mal bewusst und spüre, was in deinem Körper passiert! Kannst du wahrnehmen, wie deine Muskulatur ein wenig zittert und etwas Anspannung abfällt? Vielleicht kannst du ja sogar spüren, dass dein Herz danach ruhiger wird.

Es gibt übrigens noch viele weitere Wege, wie dein Nervensystem sich ganz natürlich selbst reguliert: Z.B. ein doppeltes Einatmen gefolgt von einem Ausatmen wie beim Physiologischen Seufzer, ein kurzes Schütteln, Schlucken, ein tiefer Atemzug, ein subtiles heiß-kalt werden uvm.

Was sind die Wege der Regulation, die für deinen Körper am besten funktionieren? Schreibe mir gern: letme@feelthatshift.de

Disclaimer: Ich bin weder Arzt noch Psychotherapeut. Alle Angaben stammen aus meiner jahrelangen Recherche zu psychologischen Themen und diversen Fortbildungen und sind mit bestem Wissen und Gewissen erstellt. Solltest du Fehler entdecken, melde dich gern bei mir: kontakt@feelthatshift.de
Über den Autor

Moritz Oesterlau

Im 1:1 Coaching und in Workshops begleite ich Menschen zurück in den echten Kontakt und in eine liebevollere Beziehung zu sich selbst. Dabei schlage ich die Brücke zwischen Psychologie, Neurobiologie und östlichen Philosophien. Traumasensibel & undogmatisch.

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