Weshalb es keine Selbst­sabotage gibt und wie du wieder handlungs­fähig wirst

Manchmal scheint es, als wenn eine unsichtbare Kraft uns von all dem abhält, was eigentlich gut für uns wäre. Wie kannst du aufhören, dich selbst zu „sabotieren“?

Moritz Oesterlau
14.4.2022
  ·  
 min
Abstrakte Flüssigkeiten
Foto von 
Pawel Czerwinski

Manchmal scheint es, als wenn eine unsichtbare Kraft uns von all dem abhält, was eigentlich gut für uns wäre. Wie kannst du aufhören, dich selbst zu „sabotieren“?

Ich möchte zum Sport, tu es aber nicht. Ich sollte arbeiten, lenke mich aber ab. Ich möchte mir mehr Zeit für mich nehmen, „kann“ es aber nicht. Ich möchte die Welt bereisen, erlaube es mir aber nicht. So könnten wir gut ganze Listen füllen.

Was ist es bei dir?

Meiner Auffassung nach gibt es so etwas wie Selbstsabotage nicht, denn sie ist lediglich eine Bewertung, die nichts mit der Realität zu tun hat. Aber sehen wir uns einmal genauer an, was innerlich passiert und was wir tun können, um wieder handlungsfähig zu werden – und dabei viel über uns erfahren.

Aspekte der Selbst­sabotage

Wenn ich sage, „ich sabotiere mich selbst“, dann impliziert das gleich vier oder mehr Aspekte:

  1. Etwas in mir möchte etwas (Wunsch)
  2. Etwas in mir möchte das nicht (Angst, Bedenken, Sorge)
  3. Etwas in mir wirft dem, das es nicht möchte, Sabotage vor (Bewertung, Verurteilung)
  4. Und dann ist da das Selbst, das all das wahrnimmt (Bewusstsein)

Schau einmal, wie das auf eines deiner Themen passt. Gibt es noch weitere Aspekte und Dynamiken, die sich in dir abspielen?

Der Wunsch

Da ist also ein Anteil in dir, der etwas möchte – zum Beispiel sich innig verbunden fühlen mit anderen Menschen. Dieser ist ein lebensbejahendes, auf Expansion gerichtetes Bedürfnis; dein Wunsch für die Zukunft. Gäbe es nur diesen Anteil, gäbe es keinen inneren Konflikt und du würdest dem Bedürfnis ganz natürlich folgen.

👉 Was ist dein Bedürfnis? Warum möchtest du es, was gibt es dir? Wie fühlst du dich, würdest du es ganz leben können?

Achtung: Hierbei kann sich auch herausstellen, dass dein Bedürfnis kein „echtes Bedürfnis“ ist, sondern das tatsächliche Bedürfnis überschattet. Zum Beispiel wenn du meinst, zum Sport gehen zu müssen, um besser auszusehen – nicht, um dich gesund und wohl zu fühlen – und dir vom gesellschaftlich akzeptierten neuen Aussehen Anerkennung erhoffst, die du den gekränkten Anteilen in dir nicht selbst zukommen lassen kannst.

Die Sorge

Dann gibt es den Anteil, der – bleiben wir bei dem Beispiel – nicht in die Verbindung gehen möchte, weil z.B. Erfahrungen gemacht wurden, die schmerzhaft waren. Umso mehr wir uns öffnen, desto verletzlicher sind wir. Verständlich also, dass etwas in uns vorsichtig ist und diesen Schmerz nicht noch einmal erleben möchte.

👉 Wende dich diesem Aspekt zu und spüre einmal nach: Welche Sorge besteht? Was könnte Schlimmes passieren? Was ist das Risiko, die Gefahr? Was könnte erneut erlebt werden?

Die Verurteilung

Identifizieren wir uns mit dem Wunsch (Aspekt 1) und verdrängen dabei den Schmerz (Aspekt 2), dann wird das Wort „Sabotage” geboren (Aspekt 3). Dieses ist meistens Ausdruck des Ärgers und der Hilflosigkeit in Anbetracht des scheinbar unlösbaren Konflikts in uns.

Aber mehr ist es nicht: Die Sabotage passiert nicht wirklich; das Wort ist Ergebnis unserer fehlenden Präsenz mit allen Anteilen in uns. Gingen wir in den näheren Kontakt, würden wir erfahren, dass es nie eine böswillige Sabotage gab, sondern nur den Versuch, Sicherheit zu bewahren. Sagen wir, etwas sabotiere uns, dann sprechen wir selektiv aus der eingeschränkten Perspektive eines von mehreren Anteilen.

👉 Was kannst du wahrnehmen, was diese ganze Dynamik mit dir macht – und das vielleicht schon seit Langem? Erkenne die Wut und Trauer darüber an; es ist kein Wunder, dass sie da ist.

Das Selbst

Und dann gibt es uns Selbst; der Punkt, von dem wir all das in uns wahrnehmen können. Darin erkennen wir: Ich kann mit allem in Beziehung treten und kann antworten, alles halten und – ohne es zu bewerten – präsent damit sein. Würde ich es bewerten, wäre dies ein weiterer Aspekt, dem ich mich zuwenden kann.

👉 Kannst du den Raum spüren, in dem sich alles Erleben in dir abspielt? Wie groß ist dieser? Fällt es dir leicht, dein Erleben in dir zu halten und damit zu sein?

Falls nicht, könnte dies ein weiterer Aspekt sein, dem es schwer fällt, damit zu sein. Damit wiederum kannst du sein.

Heraus aus der Selbst­sabotage: Schritte in die Klarheit und Handlungs­fähigkeit

Im ersten Schritt braucht es unsere Bereitschaft, dem Paradox in uns zu begegnen. Das wird auch mit dem sperrigen Begriff der Ambiguitätstoleranz bezeichnet: Das ist die Fähigkeit, mit dem Unklaren, Ungewissen und Mehrdeutigen zu sein. Im Widerspruch nicht direkt Partei zu ergreifen und zu bewerten, abzulehnen und auszuweichen, sondern stattdessen zuzuhören, neugierig und offen zu bleiben.

Mit dem Vorwurf der Selbstsabotage ergreifen wir Partei für einen Aspekt – dem Bedürfnis – und meinen, die böswillige Intention des unserem Wunsch widersprechenden Aspekts bereits zu kennen: Sabotage! Dabei verkennen wir die große Not, die dieser in sich trägt. So nehmen wir lieber den kleineren Schmerz der ständigen Selbstbeschämung in Kauf, als einmal dem größeren Schmerz zu begegnen, der hinter dem vermeidenden Anteil schlummert.

Vorher (identifiziert)

Hier braucht es nun die Bereitschaft, innezuhalten und uns diesem Schmerz wohlwollend und verständnisvoll zuzuwenden und ihn zu spüren. Das funktioniert am besten, wenn wir nicht mit ihm identifiziert sind, sondern vom größeren, haltenden Selbst (4) aus mit ihm in Beziehung treten. Nur so ist ein echtes Selbstmitgefühl möglich.

Nachher (präsent)

Es kann natürlich auch sein, dass du etwas nicht möchtest, es aber trotzdem weiterhin tust. Das ist zum Beispiel der Fall bei nichtkörperlichen Süchten oder wenn du immer wieder in ähnlich “toxischen” Beziehungsmustern landest. Hier gilt es, sich dem Anteil zuzuwenden, der es braucht und aus der Tätigkeit oder dem Umfeld ein Gefühl von Sicherheit oder andere Vorteile schöpft.

Versuche also nicht, “deine Selbstsabotage zu besiegen”, denn das würde nur weiteren Widerstand hinzufügen. Übe stattdessen, all den verletzten, unsicheren und ungesehenen Anteilen deiner Selbst mit Neugier und Mitgefühl zu begegnen, sodass sie gesehen werden, aufatmen und loslassen können.

Diese subtile Veränderung in der Art der Begegnung mit dir selbst hat das Potential, alles zu verändern.

Disclaimer: Ich bin weder Arzt noch Psychotherapeut. Alle Angaben stammen aus meiner jahrelangen Recherche zu psychologischen Themen und diversen Fortbildungen und sind mit bestem Wissen und Gewissen erstellt. Solltest du Fehler entdecken, melde dich gern bei mir: kontakt@feelthatshift.de
Über den Autor

Moritz Oesterlau

Als Achtsamkeitscoach begleite ich Menschen zurück in den echten Kontakt und in eine liebevollere Beziehung zu sich selbst. Dabei schlage ich die Brücke zwischen Psychologie, Neurobiologie und pragmatischer Spiritualität. Traumasensibel & undogmatisch.

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